Samstag, 16. April 2016

IC-7300 gegen Radio China

Der IC-7300 ist ein gefälliges Truckli mit guten Filtern, gutem NB und einer NR, die ohne Blubbern auskommt. Der Empfänger klingt klar und rund und die Modulation des Senders ist schon mit dem Handmikrofon und den Werkseinstellungen fast perfekt. Der Bildschirm mit dem Band- und Audioscope erschliesst eine neue Dimension - schließlich sind auch wir Funkamateure Augenmenschen.

Die Waschmaschine habe erst dann weite Verbreitung gefunden, als sie ein Fenster erhalten habe, hat mir kürzlich ein Funkamateur telegrafiert.

Sein Fenster und sein günstiger Preis dürften auch dem IC-7300 zu einem Markterfolg verhelfen. Dieses Gerät ist wohl mehr als bloß ein weiterer Transceiver. Vielleicht wird er gar zu einer Art Lifestyle Device für den heutigen Funkamateur. Das Teil hat einen vom Touch Smartphone ;-)

Der IC-7300 ist sexy - die SDR-Blackboxen sind nur teuer.

Ob da das Label "Direct Sampler" eine Rolle spielt, ist schwer zu sagen. Allerdings ermöglicht nur das Prinzip der direkten Digitalisierung die Herstellung eines "Fenstergeräts" zu einem günstigen Preis.

Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Und der grösste Schatten wirft beim IC-7300 sein AD-Wandler. Das schwächste Glied in der Kette seiner Innereien.

Wenn die Summe der Signale an seinem Eingang einen bestimmten Wert überschreitet, kann er die Signale nicht mehr alle schlucken. Das Resultat: die Overflow-Anzeige blinkt in seinem Fenster und aus seinem Empfänger dringt ein Tohuwabohu, das alle schwachen Signale platt macht.

Das geschieht etwa ab -10dBm, also etwa ab 70mV am Wandlereingang. Da hilft dann nur noch der Regler RF-Gain, der beim 7300er nichts anderes ist, als ein stufenloser Abschwächer zwischen Antenne und Wandler.
Bei mir war das bisher jeden Abend auf dem 20m Band der Fall :-(

Doch wer ist für diese 70mV verantwortlich?

Um das herauszufinden, habe ich kurzerhand meinen Spektrumanalyzer an die Antenne gehängt. Im folgenden Bild sieht man den Bereich zwischen 9 und 16 MHz - also etwa den Bereich, der auch der IC-7300 durch sein Bandfilter im Falle des 30m und 20m Bandes auf den AD-Wandler loslässt:


Wir sehen hier die starken Signale der Rundfunkbänder. Von links nach rechts: das 31m, 25m, 22m und 19m Band. Das stärkste Signal gestern Abend war Radio China International auf 9480 kHz, in Französisch aus Albanien. Mit -8.95 dBm Spitzenwet reichte es zeitweise alleine aus, um den AD-Wandler zu übersteuern. Doch Vorsicht vor falschen Schlüssen: Auch viele schwächere Signale können in ihrer Summe den kritischen Wert erreichen und überschreiten. Es braucht nicht immer einen einzelnen "Bösewicht".

Hätte ICOM nicht etwas zuviel gespart und zum Beispiel dem 20m Band ein separates Bandfilter spendiert, wäre gestern Abend bei mir das Band ruhig geblieben.

Ist das schlimm?
Für die meisten Funkamateure wohl kaum. Meine L-Antenne ist breitbandig und scheinbar besser, als ich gedacht hatte. An einem Beam oder einer GP für das 20m Band wäre das vermutlich nicht passiert, schon gar nicht an einer Magnetloop oder an einer "Wunderantenne". Die meisten Funkamateure kommen vermutlich gar nie in den "Genuss" einer flackernden Overflow-Anzeige auf dem 7300er. Und wer sich einen Tower mit einer Big Gun leisten kann, hat ohnehin das nötige Kleingeld, sich ein besseres und teureres Gerät zu leisten.

Denn obschon es die Fan-Gemeide der Digitalen Empfänger nicht wahrhaben will: Ein guter klassischer Empfänger ist zurzeit immer noch besser, als ein so genannter SDR. Übrigens ein irreführender Begriff. Auch die Superhets sind heute meist SDR. Bastarde halt, keine reinrassigen.

Einer der da etwas Licht ins Dunkel gebracht hat, ist Adam AB4OJ. Mit seiner Messmethode NPR (Noise Power Ratio) hat er einen Weg gefunden, die Qualitäten eines Empfängers besser zu beurteilen, als es mit den bisherigen Messmethoden der Fall war. Damit können auch klassische Empfänger einigermaßen fair mit Direct Samplern verglichen werden.

Das Übersteuern des AD-Wandlers ist ja kein ICOM-spezifisches Problem. Andere Direct Sampler kämpfen auch damit. Die meisten werden wohl bei Erreichen eines bestimmten Pegels automatisch und diskret einen Eingangsabschwächer aktivieren. Wieso das ICOM mit seinem stufenlosen PIN-Dioden-Abschwächer nicht tut, ist mir ein Rätsel. Beim Drücken des E+ Knopfes würde ich etwas Ähnliches erwarten. Doch es passiert nichts. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.





   


Kommentare:

Peter Sidler hat gesagt…

Hallo Anton

Besten Dank für die interessanten Berichte. Du schreibst, dass auf dem 20 m Band die Overflow Anzeige leuchtete. War da der Vorverstärker eingeschaltet?

73, Peter - HB9PJT

Anton's Funkperlen hat gesagt…

Nein, lieber Peter,
der Vorverstärker war nicht eingeschaltet.
73 de Anton

Manuel Holzberger hat gesagt…

Hallo Anton
habe von einen freud sein ic 7300 an meiner 2x41 m 20m hoch testen können ,dazu hab ich ein paar videos gemacht
https://www.youtube.com/watch?v=GuQBqiJzS4Y

73 dk6hf

Praktimarc hat gesagt…

Servus Anton,

ich kann glaubhaft behaupten, dass ich am Flex 6300 solcherlei Probleme mit einem zugestopften RX bisher noch nie erleben durfte. Egal auf welchem Band. Bisher habe ich nur Drahtantennen genutzt aber auch da kamen mir derlei Probleme nicht unter.

Ich setze das Gerät hauptsächlich (Anschaffungszweck) für VHF Conteste ein, an einem Transverter von HA1YA.
Genaue Daten bzgl. der Eingangsspannungen des RX liegen mir natürlich nicht vor. aber ich kann sagen, dass eine Übersteuerung des Empfängers sehr sehr selten vorkommt. Die Situation auf VHF kennst du ja auch und hast du ja auch schon beschrieben.

Sie ist katastrophal und wenn man in Deutschland zwischen DL0GTH und DA0FF positioniert ist, ist katastrophal kein Ausdruck mehr. Mit normalpreisigen Funkgeräten, die VHF ab Werk können, ist kein Arbeiten mehr möglich. Der 991 machte in dieser Situation eine einigermaßen gute Figur, wenn man mit einer spitzen Antenne an den Big Guns vorbei zielt. Aber nur mit dem Flex6300 und Transverter war auch ein Funken in diese Richtungen erst wieder möglich. Dass der EMpfänger überfordert war, war wirklich sehr, sehr, sehr extrem selten, obwohl gerade z.B. DA0FF mit Signalen um die 140dB auftrumpfte.

Deine Aussage bzgl. der Schwachstelle, die alle SDR gemeinsam haben, ist natürlich im Grunde genommen korrekt aber zumindest die Flexradios haben diesbezüglich sehr gute Eigenschaften und gewinnen den Direktvergleich zum IC7300 ganz, ganz, ganz deutlich - praktisch erprobt.

Übrigens lese ich deinen Blog schon lange, in letzter Zeit etwas unregelmäßiger aber immer mit wachsender Begeisterung, wenn ich mal wieder dran denke. Schön, was du alles schreibst, das hat mir schon sehr viele gute Ideen gebracht.

73 de Marc, DO5AMF