Freitag, 15. Juni 2018

Hat Joe Taylor den Amateurfunk zerstört?



"Did Joe Taylor K1JT, Nobel Laureate and noted friend of hams everywhere, accidentally destroy amateur radio?"
, fragt Kirk Kleinschmidt NT0Z in einem Artikel, der im Februar 2018 im The Spectrum Monitor erschienen ist.

Kirks langer Artikel ist zwar als Glosse gedacht, doch die explosionsartige Verbreitung von FT-8 und die damit verbundene Verdrängung der klassischen Betriebsarten kann durchaus solche Gedanken aufkommen lassen.

Das Jahr 2017 sei das Jahr, in dem der Amateurfunk gestorben sei, meint Kirk. Es sei die Stunde Null einer neuen Zeitrechnung für die Funkamateure. 2018 sei deshalb der Beginn der Hampocalypse oder in der neuen Zeitrechnung das Jahr 1AT (1 year after Taylor). 

Natürlich sei die Zerstörung des Amateurfunks nicht Joe Taylors Absicht gewesen. FT-8 sei sozusagen ein Unfall, wie ein Virus das aus einem Hochsicherheitslabor entwichen sei und sich exponentiell vermehrt und die Bevölkerung befallen habe.

Kirk besteigt in seinem Artikel eine fiktive Zeitmaschine und reist damit in die Zukunft des Amateurfunks. Er beschreibt die Einführung der nächsten  Betriebsarten aus der Taylor-Familie: FT-9 und FT-10. Diese würden zwar wieder eine bescheidene persönliche Interaktion der Funker ermöglichen, doch es sei bereits zu spät. Die wenigen verbliebenen Funkamateure hätten ihr Interesse an Konversation verloren und würden sich stattdessen ganz auf den automatischen Austausch von Signalrapporten und das Sammeln von Locator-Feldern konzentrieren.

Im Jahr 2AT (Year 2 after Taylor) würden dann nicht von Computern kontrollierte QSO's von den Bändern verbannt und dem Amateurfunk nur noch kleine 5kHz Bänder zugeteilt, da dies für die veränderte Aktivität genüge. Auch die Bandwahl würde nun der Computer übernehmen, sodass immer die optimale Frequenz benutzt werde. Der CQWW-Contest werde im Jahr 2AT in CQJTWW umbenannt und erste Diplome würden dann an OM vergeben, die gar nicht wüssten, dass sich ihr Computer am Contest beteiligt habe.

Im Jahr 3AT sei dann die Beteiligung von Menschen am Amateurfunk vollständig obsolet. Der Amateurfunk werde deshalb abgeschafft. Bei seiner Zeitreise habe Kirk aber von einer KI (künstlichen Intelligenz) erfahren, die mit einer FT-11 Beta Version das DXCC in 478 Millisekunden geschafft und damit einen neuen Rekord aufgestellt habe. Der letzte CQJTWW-Contest vor der Abschaffung des Amateurfunks habe auch nur noch 8,5 Sekunden gedauert.

Soweit die Fiktion von Kirk NT0Z. 
Sie ist zwar stark überzeichnet, doch der Trend ist offensichtlich, wie man feststellen kann, wenn man die Bänder beobachtet. FT-8 ist im Begriff, zur dominierenden Betriebsart zu werden und die bisherigen Modi zu verdrängen. PSK31 ist rar geworden und nur unverbesserliche Nostalgiker funken noch in RTTY. Auch CW findet man außerhalb der Wettbewerbe nur noch spärlich in einigen Reservaten. Das 80m CW Band wirkt zeitweise wie ausgestorben. Vermutlich werden auch die SOTA-Gänger in Zukunft vermehrt auf FT-8 setzen. Eines Tages wird der Computer wohl die QSO's selbstständig abwickeln, während der OM derweil die Aussicht genießt. 

 

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Bald wird es wohl so sein. Wer möchte denn noch gerne bunte Balken anklicken, wenn der PC diese Aufgabe selbsttätig erledigen kann? Ja, und nebenbei ergattert man in Rekordzeiten den einen oder anderen Pokal, einfach so. Da ist CW doch reine Verschwendung geistiger Ressourcen. Geschweige reden. Oder selber Auto fahren. Vieles macht zwar Spass, im Zeitalter von Industrie 4.0 sollte man, um den Ansprüchen gerecht zu werden, lieber KI's oder Robotern die Arbeit überlassen. Auch im Hobby. Oder?




DK1PL hat gesagt…

Hallo Anton,

aber wir sind doch selbst schuld daran, oder? Digital ist gleich modern, selbst wenn die meisten HAMs nicht mehr wisse wie denen Equipment funktioniert. FT-8 passt doch zu der Denkweise, weil die gesamte Gesellschaft derzeit so ist – keine Ahnung aber ich habe es.

Mich würde wirklich interessieren, wie viele FT-8 Anhänger wären in der Lage ein FT-8 Encoder/Decoder selbst zu implementieren oder mindestens detailliert dessen Funktionsweise zu erklären. Aber woher solle die HAMs auch kommen, schaut man sich die Afu-Prüfung in DL an, dann gewinnt man schnell den Eindruck, dass die Ausbildung in der 60-70 Jahren stehengeblieben ist.

Um klar zu stellen, ich ziehe den Hut vor Joe Taylor uns seine Arbeiten ab, dass ist derzeit der modernste Experimentalfunk. Der findet nicht mehr so intensiv auf dem Lötplatz statt, sonder wird mit der Mathematik auf dem Computer ausgetragen.

73 de Christoph DK1PL